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Offline Hans

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Tod als Teil des Geschäfts
« am: 2. Jun. 2012 - 11:07:33 »
Tod als Teil des Geschäfts
Auf den Gensojafeldern Argentiniens werden Giftstoffe versprüht, die in ähnlicher Form im Vietnamkrieg eingesetzt wurden. Fehlgeburten, Mißbildungen und erhöhte Krebsraten sind die Folge. Doch es gibt Widerstand
Von Romano Paganini
Baden ist hier nicht empfohlen: Schild am Rande eines Sojafeldes
Baden ist hier nicht empfohlen: Schild am Rande eines Sojafeldes in der Provinz Santa Fe warnt vor »agrochemischen Abfällen«
Foto: Marilina Calos
Die junge Frau sitzt am Bahnsteig des stillgelegten Dorfbahnhofs und wartet, bis die beiden Studenten ihre Kamera in Position gebracht haben. Es geht ein fieser Regen an diesem Sonntagvormittag durch Ibarlucea, ein kleines Dorf, eingeklemmt zwischen Sojafeldern und den Vorstadtslums der argentinischen Provinzhauptstadt Rosario. Doch Luciana Algrain ist nicht des Wetters wegen gekommen, sondern wegen ihres fünfjährigen Sohns: »Ich lebe seit sechs Jahren gegenüber einem Sojafeld und wußte, daß die dort eingesetzten Chemikalien schädlich für die Umwelt sind«, beginnt die 35jährige. »Aber es war mir nicht klar, welche Folgen sie für die Menschen haben können.« Die beiden Studenten nicken, kommen jedoch nicht dazu, Fragen zu stellen. Luciana Algrain erzählt nicht zum ersten Mal, daß sie Mitte 2007 Juani zur Welt brachte, der wegen eines Hirnfehlers im Rollstuhl sitzt. Gründe dafür konnte auch der Arzt ihr nicht nennen. »Nur eine Erbkrankheit«, sagt die Frau, »das schloß er definitiv aus.«

Erst durch die Gespräche mit den Nachbarn erfuhren die Algrains, daß Juani nicht der einzige im Dorf ist, der gesundheitliche Probleme hat. »Es meldeten sich Frauen, die keine Kinder bekommen können, Nachbarn mit Krebs oder das 12jährige Mädchen, das an Leukämie erkrankt war. Wir informierten uns, diskutierten und kamen zum Schluß, daß dies alles kein Zufall sein kann.« Schließlich gingen die Nachbarn zur Gemeinde und verlangten, einen Mindestabstand von 100 Meter zwischen Sojafeldern und Wohngebiet. »Ich bin ziemlich sicher«, sagt die Hochschullehrerin zum Schluß, »daß Juani wegen der Chemikalien einen Hirnfehler hat. Aber Beweise habe ich keine«. Dann steht sie auf, fragt, ob das so OK gewesen ist und betont nochmal, daß sie keine Beweis hat. Die Studenten nicken erneut. Sie drehen an einer Dokumentation über die Folgen des Sojabooms in ihrer Provinz Santa Fe, dem Zentrum des argentinischen Sojaanbaus. Es sind Folgen, über die die argentinische Öffentlichkeit kaum Bescheid weiß.

Auch deshalb startet die Betroffenenvereinigung Pueblo Fumigado (Versprühtes Volk) etwas später an diesem Vormittag ihre Informationskampagne. Auf den stillgelegten Bahnsteig des kleinen Städtchens sind 25 Bewohner gekommen, darunter Luciana Algrain, die ihre Hände nun an einem Matetee wärmt. Trotz Kälte herrscht angeregte Stimmung. In den Gesprächspausen macht selbstgemachte Pizza die Runde – und immer wieder die Frage: Was tun? »Wichtig ist, daß ihr euch zusammenschließt«, sagt Fernando Albrecht von Pueblo Fumigado. »Nur so könnt ihr etwas erreichen.«

Albrecht fordert in Ibarlucea, was ein Großteil von Pueblo Fumigado seit Jahren fordert: daß bei der Bewirtschaftung von Agrarflächen keine Chemikalien eingesetzt werden. Die Bevölkerung sei schließlich nie gefragt worden, ob sie das wolle. »Das war«, sagt Albrecht, »kein demokratischer, sondern ein autoritärer Entscheid.« Auf dem stillgelegten Bahnsteig von Ibarlucea geht es nicht nur um eine Plattform für die Betroffenen, sondern auch um Grundrechte in einer Demokratie. »Die Bürger sollen wieder Selbstvertrauen entwickeln und ihre Meinung äußern«, sagt Albrecht. Er weiß, daß es bei Gensoja um mehr geht als Chemikalien und Zusatzstoffe.
Eine Bohne wird zum Kapital
Gensoja ist in Argenti­nien, was Kupfer in Chile oder Erd&ou
Gensoja ist in Argenti­nien, was Kupfer in Chile oder Erdöl in Nigeria ist: Eines der unzähligen Felder, auf denen das grüne Gold angebaut wird
Foto: Marilina Calos
Gensoja ist in Argentinien, was Kupfer in Chile oder Erdöl in Nigeria: ein riesiges Geschäft. 2011 wurden rund 11,6 Milliarden Dollar mit dem Verkauf der Hülsenfrucht erzielt – so viel wie noch nie. Ein Großteil der jährlich inzwischen 60 Millionen Tonnen Soja von argentinischen Äckern landet in den Futtertrögen chinesischer und europäischer Mastbetriebe – auch in Deutschland. Gensoja war in Argentinien, dem weltweit drittgrößten Sojaproduzenten, von Anfang an kein Nahrungsmittel. Es war Kapital – Kapital, das heute über die Hälfte des fruchtbaren Bodens des Landes besetzt.

Dabei spielte Soja bis vor fünfzehn Jahren kaum eine Rolle. Angebaut wurde Weizen, Mais oder Sonnenblumen. Erst ab 1996, also im selben Jahr, in dem gentechnisch verändertes Soja auch in den USA auf den Markt kam, begannen sich argentinische Bauern für die Nutzpflanze zu interessieren. Auslöser war wie in Nordamerika der US-Chemiekonzern Monsanto. Er brachte nicht nur gentechnisch veränderte Organismen an den Río de la Plata, sondern reiste gleich mit einer ganzen Ideologie an. Sein Gensoja verkaufte er nur zusammen mit dem Glyphosat der Marke Roundup – einem seit Mitte 70er Jahre eingesetzten Herbizid zur Unkrautbekämpfung; es wird heute in Millionen von Gärten weltweit verwendet.

Gleichzeitig kamen neue Technologien auf den Markt, mit denen noch schneller mehr gesät, geerntet und letztlich verdient werden sollte. Monsanto ging sowohl zu den Produzenten als auch zu den Agrarstudenten des Landes. Diesen wurde in eigenfinanzierten Laboratorien und Studien beigebracht, daß Glyphosat keinerlei negative Folgen habe, im Gegenteil: Es erhöhe die Ernte. Schließlich war die von den Chemikern in St.Louis entworfene Gensojabohne resistent gegen das Glyphosat. Und so machte Monsanto aus der einstigen Getreidekammer der Welt ein Versuchslabor für Gensoja. Die Konsequenzen dieses Produktionsmodells werden sechzehn Jahre danach langsam sichtbar. Durch die Verharmlosung des Herbizids Glyphosat benutzten die Bauern es wie Wasser – und rutschten dabei in einen Teufelskreis. Denn das Unkraut wurde im Laufe der Jahre immer resistenter gegen das Herbizid Roundup. Es entstanden sogenannte supermalesas, Super-Unkräuter – worauf die Bauern entweder die Dosis erhöhten oder das Glyphosat mit anderen, noch stärkeren Agrarchemikalien mischten. Die giftigsten dieser Chemiecocktails setzen sich zusammen aus Glyphosat, Paraquat, Endosulfan oder der Essigsäure 2,4-D. Letztere wird nicht nur gegen Unkraut verwendet, es sorgt auch dafür, daß die Ernte schneller trocknet.

Dabei hat 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure, wie die Chemikalie mit ganzem Namen heißt, eine dunkle Vergangenheit. Sie war in leicht modifizierter Form Bestandteil des Entlaubungsgifts Agent Orange, das die US-Armee während des Vietnamkriegs über den Wäldern versprühte. So sahen die Scharfschützen besser, wo sich ihre Gegner versteckten. Der Krieg in Vietnam ist offiziell seit knapp vierzig Jahren zu Ende. Doch die Folgen von Agent Orange sind geblieben: verseuchte Böden, erhöhte Krebsraten und Kinder, die mit Mißbildungen zur Welt kommen.
http://www.jungewelt.de/2012/06-02/004.php
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Antw:Tod als Teil des Geschäfts
« Antwort #1 am: 14. Sep. 2017 - 11:11:06 »
Glyphosat: Alarmstufe ROT
09/07/2017Mona Lisa   

Die EU-Kommission hat im Mai angekündigt, dass sie beabsichtigt, die Zulassung von Glyphosat (aktiver Wirkstoff im meistverkauften Unkrautvernichter/ Herbizid) für weitere 10 Jahre zu verlängern. Das war zu erwarten, nachdem die  EFSA im November 2015 die chemische Substanz als „unwahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hatte und auch die ECHA dafür einen „Persilschein“ ausstellte (wie vorher das deutsche BfR).
Weiter: https://medienschafe.wordpress.com/2017/09/07/glyphosat-alarmstufe-rot/
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« Antwort #2 am: 29. Nov. 2017 - 17:38:16 »
 Glyphosat-Streit: Profit gegen Gesundheit
29. November 2017 Peter NowakInhaltsverzeichnis

    Glyphosat-Streit: Profit gegen Gesundheit
    "Nur gelegentlich gesundheitsschädlich"
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In einer Gesellschaft, in der der Profit das Maß aller Dinge ist, stehen eben nicht Gesundheitsfragen an erster Stelle

Ein CSU-Minister macht in Brüssel einen Alleingang und sorgt so dafür, dass Unkrautmittel Glyphosat erst einmal weiter verwendet werden kann. Nun blicken alle politischen Beobachter auf die Folgen für die neuen Sondierungsgespräche zwischen der SPD und der Union.

Das sind nicht gerade die Signale, die sich die SPD-Spitze gewünscht hat, die gerade dabei ist, eine neue Koalition mit der Union anzupeilen. Nun muss sie sich ganz schön verrenken, um zu erklären, warum ihr Bekenntnis, sich in der Opposition erneuern zu wollen, nicht mehr gilt. Es war schon peinlich zu beobachten, wie in der letzten Woche verschiedene SPD-Politiker erklärten, dass man sich nicht verweigern könne, wenn der Bundespräsident zu Gesprächen einlädt.

Da war sie wieder jene Staats- und Autoritätsgläubigkeit ohne jeden Inhalt, die sogar einen braven Juso-Vorsitzenden wie Kevin Kühnert, der jeder radialen Gesinnung unverdächtig ist, auf die Palme brachte. Dabei könnte ja ein Sozialdemokrat auf die Idee kommen, Forderungen zu stellen, die die Union in die Bredouille bringen, und so die Gespräche scheitern zu lassen, damit es zu Neuwahlen kommt.

Aber weder hat die SPD eine politische Forderung, für die sie bereit wäre, wirklich in die Opposition zu gehen. Noch gibt es einen gesellschaftlichen Druck, dass eine solche Reformforderung, wie beispielsweise eine Bürgerversicherung, durchgesetzt wird. Die aber könnte nur die Grundlage für eine parlamentarische Mehrheit ohne Union und FDP sein: Nun hätten Neuwahlen einen Sinn.
Könnte die Union im Glyphosat-Streit bei Neuwahlen punkten?

Jetzt liefert der CSU-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt der SPD eigentlich die besten Argumente, um eine Neuauflage der Koalition mit der Union scheitern zu lassen. Es wird sich zeigen, ob sie sich mit Merkels Distanzierung und ihrer Rüge an den Landwirtschaftsminister zufrieden gibt, oder ob sie seinen Rücktritt zur Voraussetzung für weitere Gespräche macht.

So klar ist das schon deshalb nicht, weil im Konflikt zwischen dem Umwelt- und dem Landwirtschaftsministerium in der SPD durchaus nicht alle auf Seiten ihrer Ressortministerin stehen. Sie verkörpert als ökokapitalistisch orientierte Lesbe nur einen Teil der SPD-Milieus.

Mindestens genauso stark ist der klassisch fordistische Arbeitnehmerflügel in der Partei, der es nicht verstehen kann, warum eine mögliche Krebsgefährdung ausreichen soll, um auf Glyphosat zu verzichten. Das ist der Teil der Partei, der sich eher über Deutschlands Stellung auf dem Weltmarkt und mögliche Gefährdungen von Arbeitsplätzen als über die Gesundheitsgefährdung von Glyphosat Gedanken macht.

Bei einer Neuwahl könnte daher der CSU Schmidts einsame Entscheidung noch nutzen. Darin liegt sicher auch der Grund, dass Merkel das Vorgehen von Schmidt rügte, seine Entscheidung aber insgesamt verteidigte. Dabei kann Schmidts Vorgehen auch als eine Fortsetzung der Anti-Merkel-Nadelstiche der CSU gedeutet werden.

Schließlich soll die grün-schwarze Kooperation, die ja am Tage des FDP-Rückzugs von den Sondierungen zelebriert und von vielen Medien brav nachgedruckt wurde, etwas belastet werden. Allerdings sind die Grünen so interessant daran, mit der Union endlich gemeinsam in einer bürgerlichen Koalition zu regieren, dass sie auch ihre Kooperationsbereitschaft deswegen nicht verlieren werden. Da unterscheiden sich die Grünen kaum von der SPD.
https://www.heise.de/tp/features/Glyphosat-Streit-Profit-gegen-Gesundheit-3903676.html
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